Wenn der Bubentraum so richtig streng ist

13.07.2018, wy
Valentin Stäheli aus Sempach hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt: Diesen Sommer verbringt er auf der Alp Tritt an den Hängen des Niederbauenstocks. Sein Alltag verlangt von ihm Organisationsgeschick, Improvisation, viel Energie und Gastfreundschaft ab.

 

Die Sommersonne scheint an diesem Nachmittag mehrheitlich auf die Alp Tritt oberhalb von Emmetten herunter. Eine leichte Bise kühlt die Luft angenehm, aber auch nicht zu stark, so dass sich viele Gäste im Alpbeizli verköstigen lassen und die berauschende Aussicht auf den Vierwaldstättersee und weiter hinaus ins Mittelland geniessen. Dann und wann hört man auch ein Gespräch in amerikanischem Englisch, und eine Gruppe Asiaten kommt grad den Weg hinauf. Die Panorama-Alp Tritt ist einfach zu erreichen. Von der Bergstation der Niederbauenbahn sind es lediglich etwa 15 Minuten mit kaum erwähnenswerten wenigen Höhenmetern, die es zu bewältigen gilt. Die Touristiker bewerben den Ort offensichtlich gut. Die internationalen Gäste sind auf den ersten Blick etwas überraschend, liegen ihre Hotspots eher im nahen Engelberg, das sich hinter dem wuchtigen Oberbauenstock und noch ein paar weiteren Gipfeln im Südwesten versteckt.

 

 

Die Touristen und Ausflügler bekommen auf der Alp Tritt auf jeden Fall ein authentisches Bergerlebnis vermittelt. Die einfach gehaltene Karte im Beizli verspricht einen gemütlichen Nachmittag: Das Alp-Tritt-Plättli mit Trockenwürsten, Trockenfleisch und verschiedenen Käsesorten, die Käseschnitten, Lebkuchen und Meringues, Mineral, Apfelschorle, Kafi Schnaps und ein gutes Glas Roten und Weissen ... «D’Seel ächli la bambelä la» ist in ein Holzbrett eingraviert, und Liegestühle stehen bereit. Hier oben, auf gut 1600 Metern über Meer, verbringt der Sempacher Valentin Stäheli den Alpsommer. Er ist Pächter der Alp Tritt mit zugehöriger Käserei. «Alpzyt» ist der Titel eines Jodelliedes des Berner Komponisten Emil Herzog. Darin heisst es in der zweiten Strophe:

 

Dert obe bim Hüttli grad z’nächscht bi dr Flueh,

ja dert cheu mir singe und jutze bis gnue,

bi Chäs und bi Anke, bi Nidle und Brot,

hei mir e kei Chummer, kei Chrüz und kei Not

 

Ein idyllischer Ort ist sie, die Alp Tritt. Die Arbeit indes ist hart, der Alltag des Älplers Valentin Stäheli, der Käserin Marlène Suter und der Gehilfin und «guten Fee» Käthy Bättig weist klare Strukturen auf. Stähelis Wecker klingelt um viertel nach vier Uhr in der Früh. Nach dem Reinigen des Stalls und dem Melken der Kühe wird noch vor sieben Uhr die Milch in der alpeigenen Käserei abgegeben, damit Marlène Suter ihr Tagwerk beginnen kann. Nach dem gemeinsamen Morgenessen geht es für Valentin Stäheli weiter damit, die Tiere auf die Weiden zu bringen und die Zäune an den stotzigen, breiten Flanken des Niederbauenstockes so herzurichten, dass das Vieh stets frisches Gras zu kauen hat, aber auch nicht gleich über alles feine Grün herfällt. «Innerhalb des Hauptzaunes gibt es kleinere Zäune, die ich immer wieder neu ziehe, um Weideabteilungen zu schaffen», umschreibt Valentin Stäheli. Auf Alpweiden stellen Blacken oftmals eine grosse Herausforderung für die Bewirtschafter dar. Das ist auch auf den Weiden der Alp Tritt nicht anders. Um die Pflanzenart mit den grossen Blättern zu bekämpfen, stünden als Massnahmen Pflanzengift oder das Ausstechen, beziehungsweise Mähen zur Verfügung, sagt Valentin Stäheli. «Gift will ich nicht einsetzen.» Was bedeutet, dass er teils über Stunden damit verbringt, die Blacken mit der Sense zu eliminieren.

Als Mittagessen nimmt die Belegschaft meist etwas Kleines ein, zu gedrängt ist das Programm. Um 11.30 Uhr öffnet das Alpbeizli, das bis 18 Uhr die Gäste bewirtet. Auch Valentin Stäheli ist zu dieser Zeit in erster Linie im Service anzutreffen. Das bedeutet aber nicht, bloss Getränke und Essen zu bringen und Geld einzukassieren, wie die Gespräche, die Sprüche und das Gelächter an diesem Nachmittag belegen. Man soll ja hier eben die Seele baumeln lassen können und sich als Gast willkommen fühlen.

Für Valentin Stäheli und seine beiden Angestellten sieht die Realität anders aus. «Alles läuft hier getaktet ab», sagt der 52-Jährige dazu. Und: Es kommt immer wieder irgendetwas dazwischen, was es auch noch zu lösen und zu organisieren gilt. Wie an diesem Tag der Mäher, der im steilen Gelände einfach nicht so recht will. «Es fehlt ihm wie der 'Pfuus'», erläutert Valentin Stäheli dem Eigentümer der Alp Tritt, der ihn gerade zurückgerufen hat. Dieser rät ihm, es mal damit zu probieren, ein Kabel nachzuziehen, um die Leistung zu erhöhen.

Eine trockengelegte Wasserleitung, ein Licht, das nicht mehr leuchtet, der Strom, der nicht mehr fliesst – Probleme können es viele sein, welche die Improvisationsgabe sowie nach der Hand und dem Geschick des Älplers verlangen. «Hier hilft man einander ganz selbstverständlich», erzählt Valentin Stäheli. Das nachbarschaftliche Verhältnis sei ausgezeichnet. Und auch die Mitarbeitenden der Bergbahn Emmetten–Niederbauen seien hilfsbereit. «Es ist auch in ihrem Sinn, dass das Berggasthaus Niederbauen und die Alp Tritt gut laufen.» Alle profitierten, wenn die Gäste kämen und zufrieden seien. «Deshalb ist man hier oben wie eine Familie.»

Valentin Stäheli erlebt dann und wann auch Wünsche von Gästen, die er nicht erfüllen kann. «Es ist auch schon nach einem Glas Prosecco gefragt worden», erzählt er mit einem Lachen. Auch Menüs oder eine grosse Weinkarte sucht man vergebens. «Wir sind eine Alp», sagt Valentin Stäheli dazu – ein Spruch, der immer wieder von der Belegschaft als Gag verwendet wird, wenn Sonderwünsche kommen. Das Einfache, die Reduktion aufs Wesentliche und die Echtheit, all dies ist auf der Alp Tritt zu finden und prägt das Leben des Sempachers während der Alpzeit von Mitte Mai bis voraussichtlich Mitte September.

 

 

Die strenge Arbeit und die langen Tage heben sich deutlich vom Jodellied «Alpzyt» ab und auch von einer etwas naiven Vorstellung eines beschaulichen Alplebens. «Am Anfang hatte ich Mühe», schildert Stäheli die ersten Wochen auf der Alp. Er habe bemerkt, wie ihm das Schlafmanko die Batterien immer mehr entlud. Auch Marlène Suter und Käthy Bättig kamen irgendwann an die Grenzen. «Ich zog die Reissleine und bot Aushilfen auf, die sonst nur an Wochenenden im Einsatz stehen. Wir mussten einfach wieder mal Schlaf nachholen.» Nun ist aber alles im Lot und die Alp Tritt freut sich über jeden Besuch. Paradoxerweise erweist sich auch das praktisch immer schöne Sommerwetter als nicht nur vorteilhaft. «Es hat erst einmal einen regnerischen Tag gegeben», blickt Valentin Stäheli zurück. «Wir sehnen uns schon fast nach einigen Tagen mit Regenwetter», ergänzt er. Nur dann ist es möglich, sich am Nachmittag für ein, zwei Stunden hinzulegen und sich auszuruhen.

Nebst der körperlichen Arbeit habe auch die psychische Belastung am Anfang Spuren hinterlassen. «Die Gesamtorganisation einer Alp ist anspruchsvoll», weiss Valentin Stäheli aus eigener Erfahrung. Alles müsse weit im Voraus geplant und koordiniert werden. Ziemlich zu beissen hat er auch, wenn es einem Tier nicht gut geht. So war eine Kuh von einer Euterentzündung betroffen. Wie soll man darauf reagieren? Braucht es gar Antibiotika? Diese und weitere Fragen trieben Valentin Stäheli um, der jeweils Rat bei einem Tierarzt einholte. Ein anderes Tier hatte eine ziemlich üble Verstauchung erlitten. Hier empfahl Käserin Marlène Suter, gelernte Kinderkrankenschwester, den Einsatz von homöopathischen Arnikakügelchen, was Stäheli in Erstaunen versetzte. Und siehe da: Nach ein paar Tagen ging es der Kuh deutlich besser.

Einmal auf einer Alp zu arbeiten sei ein Traum, den er seit Kindesalter mit sich herumtrage, erzählt Valentin Stäheli weiter. Er, der bei der Firma Schilliger Holz AG in Küssnacht hauptberuflich als Einkaufsleiter Rundholz und nebenberuflich bei der OVB Beromünster als Geschäftsleiter arbeitet, konnte sich dieses Jahr nun den Bubentraum erfüllen, indem er unbezahlten Urlaub nahm. Auf die Alp Tritt aufmerksam geworden war er vor einem Jahr, als er mit den Veteranenfussballern des FC Sempach auf Besuch war. «Da hörte ich per Zufall, dass der damalige Älpler und der Pächter aufhören.» Er habe sich aber vorderhand noch nichts Weiteres gedacht, obwohl er sich damals richtiggehend in die Alp verliebt habe. Dann, zwei Wochen später, sah er das Inserat in einem Anzeiger. Nun spürte er, dass die Zeit gekommen war, die Chance zu packen: «Jetzt oder nie», habe er sich gesagt. Er griff zum Telefon, sprach mit dem Besitzer und dem abtretenden Pächter, informierte sich intensiv über das Älplerleben. Und Valentin Stäheli erhielt den Zuschlag.

Es sei in etwa so, wie er es sich vorgestellt habe, resümiert er, der als Bauernbub in der Ostschweiz aufgewachsen war. Er wusste, worauf er sich einlassen würde. All die Arbeit dann aber in der Realität zu bewältigen, ist noch einmal eine andere Geschichte. So wird Valentin Stäheli an diesem Tag noch die Kühe von der Weide in den ein zweites Mal gereinigten Stall bringen, sie melken und später – nach dem ausgiebigen Nachtessen – noch administrative Arbeiten im Büro erledigen. Um ca. 22.30 Uhr legt er sich schlafen. Die Nacht wird wieder kurz sein, um viertel nach vier Uhr beginnt der nächste Alptag.