In sieben Tagen geht es um die Gans

04.11.2018, Daniel Zumbühl
Am Sonntag in einer Woche findet in der Surseer Altstadt der alljährliche Gansabhauet statt. Der am Martinstag zelebrierte Brauch ist weit über Sursee hinaus bekannt. Sein Ursprung liegt nach wie vor im Dunkeln. Sicher ist, dass diese Tradition nicht nur Freunde hat – und einen regelrechten «Bschiss» gabs auch schon.

Fragt man Fremde, was ihnen zu Sursee in den Sinn komme, so lautet die Antwort oft: «Das ist doch dort, wo sie Gänse köpfen.» In der Tat ist der archaische Brauch, der in der Surenstadt gepflegt wird, weit über die Kantons-, ja gar über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Nicht zuletzt diesem Umstand – und wohl auch jenem, dass sich dieser Brauch nirgends sonst in die Neuzeit hinüberretten konnte – ist es zu verdanken, dass es der Gansabhauet 2012 auf die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz im Rahmen des Unesco-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes geschafft hat.

Wurzeln im Spätmittelalter?
Die Ursprünge des Gansabhauet liegen nach wie vor im Dunkeln. Gemäss der Dokumentation zur Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz dürften sie im Spätmittelalter liegen. Die Einbindung von Gänsen in gesellschaftliche Ritualpraktiken habe in Europa eine lange Geschichte. Belege für das Köpfen oder Strangulieren dieser Vögel im Rahmen von brauchtümlichen Wettkämpfen liessen sich von Flandern bis Italien und von Spanien bis Bayern finden. Dies hatte indessen nicht mit Geringschätzung oder Abwertung als viel mehr mit Wertschätzung dieser Tiere zu tun, die als besonders wertvoll betrachtet wurden. Ihr Fleisch und die Leber galten als Delikatesse, und die Federkiele leisteten beim Schreiben gute Dienste. Das bei Wettkämpfen getötete Tier hatte den Stellenwert einer edlen Trophäe, und noch heute dürfen die beiden erfolgreichen Schläger, die den Hals der – wohlgemerkt bereits toten – Gans mit einem Hieb durchtrennen, den Körper des Vogels als Belohnung behalten.

Martinstag ist kein Zufall
Dass der Gansabhauet am Martinstag, dem 11. November, zelebriert wird, ist offenbar kein Zufall. An Martini war nämlich einer der wichtigsten Zehntabgabe- und Markttage. Und Sursee verfügte ja mit dem Sankturbanhof, dem Murihof und Einsiedlerhof über stattliche Residenzen dreier bedeutender Klöster, an welche die Bauern ihre Zehnten zu entrichten hatten. Und unter den Naturalabgaben befanden sich eben auch Gänse.
So ist davon auszugehen, dass die Surseer ihre Variante des seinerzeit weitverbreiteten Gänseschauspiels schon vor Jahrhunderten pflegten, auch wenn die älteste schriftliche Erwähnung des Brauchs nicht weiter als ins frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. 1975, anlässlich der Restaurierung der Chrüzlikapelle, kamen in die Kuppel eingelegte Aufzeichnungen zum Vorschein, die 1858 verfasst wurden und auf die letztmalige Durchführung des Gansabhauet in den Jahren 1821–1822 verwiesen, und zwar «zur Aller Ergözen», wie der Autor ergänzte. 1863 wurde der Brauch dann wiederbelebt, wobei sich die Organisatoren auf «das vor Altem übliche und so sehr belustigende Spiel» beriefen.

Zunft trat 1880 auf den Plan
Die Wiederaufnahme des Brauchs 1863 geschah unter stark veränderten gesellschaftlichen, sozialen und politschen Vorzeichen – Stichwort Gründung des schweizerischen Bundesstaats 1848. Auch die Motive für die Renaissance des Gansabhauet liegen im Dunkeln. Sicher ist indessen, dass sich 1880 die Fasnachtszunft Heini von Uri des Brauchs annahm. Noch heute spielt sie in der Organisation eine bedeutende Rolle – neben dem Gansabhauet-Komitee, das die Hauptverantwortung für die Durchführung des Brauchs trägt und 2010 in den Stand einer offiziellen städtischen Kommission erhoben wurde.

Spektakel mit Spassfaktor …
Über all die Jahre hinweg nichts geändert hat sich daran, um was es beim Gansabhauet damals im Grundsatz geht: um ein Spektakel, an dem sich das Volk amüsieren kann. Dass der Schläger, mit dem Exen eines Glases Rotwein benebelt und durch das dreimalige Drehen um die eigene Achse seiner Orientierung beraubt, auf der Bühne herumirrt und nicht selten durch die Zurufe der Kinder in die Irre geführt wird, trägt auch heute noch zur Belustigung des Publikums bei. Gleiches gilt für die den «Hauptact» begleitenden Kinderspiele «Stangechlädere», «Chäszänne» und «Sackgompe».
Der Gansabhauet sei ein unterhaltsames Spektakel, ein toller Fasnachts- und Winterbeginn sowie ein super Anlass, an dem sich Surseer und Leute aus der Umgebung wieder einmal treffen könnten, sagt Stadtpräsident Beat Leu. Die Spielhaftigkeit des Brauchs liege für ihn nicht zuletzt auch darin, zu spekulieren, «wie viele Schläger es wohl diesmal braucht, bis die Gans fällt, und ob es endlich mal eine Frau schafft».

… aber nicht alle findens lustig
Freilich teilen nicht alle Leute des Stadtpräsidenten Freude am archaischen Spektakel. Obwohl die beiden Gänse bereits tot sind und gemäss offizieller Diktion des Gansabhauet-Komitees auf einem Bauernhof in der Region unmittelbar vor dem Anlass «human geschlachtet» werden, hagelt es jedes Jahr empörte Leserbriefe in den Zeitungen und böse Kommentare in den Social Media. 2001 demonstrierten gar Tierschützer mit Transparenten auf der Kirchentreppe. «Für die Befreiung der Tiere», «Früher geheiligt, heute entwürdigt» und «Haut ab!» war da etwa zu lesen. «Was hier vor sich geht, ist eine Entwürdigung der Gans, die früher als heiliges Tier galt, zum Zweck der Volksbelustigung», machte die Vertreterin von Animal Peace gegenüber der «Surseer Woche» geltend. In Form eines «perversen Fests» äussere sich Respektlosigkeit Tieren gegenüber. Auf Flugblättern forderten die Aktivisten, dass die Gans künftig «aus dem Spiel genommen» werde.
Der Schuss ging für die Demonstranten dann jedoch nach hinten los: Weil die Transparente die Sicht der Kinder auf den Ort des Geschehens behinderten, nahmen ihnen die Umstehenden nach etwa zehn Minuten die Transparente weg und drängten sie aus den Zuschauerreihen, was im Publikum mit Jubel und Applaus quittiert wurde. In einem Communiqué zeigte sich Animal Peace «schockiert über die aggressiven Reaktionen der Zuschauer».

Die Sache mit dem «Bschiss»
Für Aufsehen sorgte 2012 der Berner Adrian Röthlisberger, der am Gansabhauet das Los seines abgereisten Kollegen Benno Wicki in die Hand nahm und die Gans vom Draht schlug. Unverfroren gab sich der listige Berner den Medien im Anschluss als Zürcher Benno Wicki zu erkennen. Dazu kam noch, dass er die Gans nur heruntergeschlagen und nicht geköpft hatte. «Mein Kollege überliess mir seine Losnummer unter der Bedingung, dass ich mich bei einem allfälligen Erfolg als Benno Wicki ausgebe. Es war ein Scherz unter Kollegen, quasi ein Fasnachtsscherz zum Fasnachtsstart», liess sich Röthlisberger in dieser Zeitung zitieren.
Alles andere als ein Scherz war dieser Streich für den Stadtarchivaren und Präsidenten des Gansabhauet-Komi­tees Michael Blatter. «So etwas gehört sich nicht. Das ist eine peinliche Aktion von zwei Spielverderbern. Wir als Veranstalter vertrauen auf die Ehrlichkeit und den gesunden Menschenverstand», ärgerte er sich. Dennoch änderte der Vorfall am Anmeldeverfahren nichts. «Ich will auf diesen Streich nicht mit Bürokratie antworten müssen. Eine Ausweiskontrolle einzuführen oder nur noch Surseer Schläger zuzulassen, würde den schlichten Charakter dieses Brauchs verändern, und das will ich den Spielverderbern nicht zugestehen», so Blatter.